Taoismus

Taoismus / Daoismus – eine chinesische Religion und Philosophie

Der Taoismus / Daoismus ist eine aus China stammende Philosophie und Religion. Neben dem Buddhismus und dem Konfuzianismus zählt er zu den drei großen Weltanschauungen, die das Kultur- und Geistesleben in China maßgeblich beeinflusst haben. Die Lehre vom Tao und die zentrale Aufforderung, dem Leben gelassen zu begegnen, wirkt auf viele Menschen in unserer Gesellschaft als ein interessantes Angebot, um der Hektik und dem Alltagstrott zu entkommen. Dass der Taoismus aber weit mehr ist als nur ein Aufruf zur Gelassenheit, das zeigt seine 2000jährige Geschichte.

Taoismus„Das höchste Gute gleicht dem Wasser.

Des Wassers Gutsein: Es nützt den zehntausend Wesen,

Aber macht ihnen nichts streitig;

Es weilt an Orten,

Die die Menge der Menschen verabscheut.

Darum ist es nahe dem Weg.

 

Gut ist beim Wohnen: der Grund.

Gut ist beim Sinnen: die Tiefe.

Gut ist beim Geben: die Menschlichkeit.

Gut ist beim Reden: die Treulichkeit.

Gut ist beim Herrschen: die Ordnung.

Gut ist beim Schaffen: die Fähigkeit.

Gut beim Sich-Regen: die reche Zeit.

 

Wohl! Nur, wer sich nicht streitet,

Ist gegen Schmähung gefeit.“

(Tao-Tê-King, Kapitel 8) Hier und im Folgenden wird die Übersetzung von Günther Debon verwendet, welche im Reclam Verlag erstmals 1961 erschienen ist.

Das Wasser ist eine zentrale Metapher – sowohl im Taoismus als auch darüber hinaus in anderen Weltanschauungen. Das Wasser symbolisiert Leben, Veränderung, Vergänglichkeit und Neubeginn. Das Wasser kann von jedem verwendet werden. Jeder darf sich am Wasser bedienen und es zu seinen Zwecken nutzen. Es stellt sich ohne Vorbedingungen allen zur Verfügung. Und wie es den „zehntausend Wesen“ nützt und „ihnen nichts streitig“ macht, so soll auch der Mensch im Taoismus danach streben, der Welt unvoreingenommen und uneigennützig zu dienen. Der Taoismus ist ein holistisches Weltbild, in welchem von einem allesdurchdringenden Prinzip ausgegangen wird, das als „Dao“ bzw. „Tao“ bezeichnet wird.

Wasser als Metapher für Taoismus Grundlegende Ansichten des Taoismus
Der Taoismus und die Metaphysik
Der Taoismus und die Entstehung der Welt
Der Taoismus und die Rolle der Natur
Der Taoismus und das menschliche Handeln
Schreibweise und Transkriptionen
Entstehungsgeschichte des Taoismus
Laotse und das Tao-Tê-King
Zhuangzi und „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“
Taoismus – Religion oder Philosophie?
Die Verbreitung des Taoismus im Abendland
Literatur- und Quellenverzeichnis
Surftipps zum Thema “Taoismus / Daoismus”

Grundlegende Ansichten des Taoismus

Das Tao gilt als etwas Seiendes. Mit dem Seienden ist aber keine reine materielle Existenz gemeint, sondern nur der Hinweis, dass das, was man als „Tao“ bezeichnet, auch existent ist. Das Tao war schon vor der Welt da. Es handelt sich aber nur um eine formelle Bezeichnung. Kein Wort ist zutreffend, um das, was „Tao“ meint, zu bezeichnen. Das Wort „Tao“ ist also nur als eine Hilfsgröße zu verstehen, mit der Phänomene beschrieben und erklärt werden können. Würde man das Tao fest definieren, würde es aus sich selbst heraus den Definitionswert verfehlen. Im ersten Kapitel des Tao-Tê-King heißt es darum:

kalligraphie_Taoismus„Könnten wir weisen den Weg,
Es wäre kein ewiger Weg.
Könnten wir nennen die Namen,

Es wäre kein ewiger Name.“

Der Autor verweist damit auf das nicht zu lüftende Geheimnis des Tao. Der Taoismus lehrt, dass das Tao vom Menschen nicht erkannt werden kann, ganz gleich, was man versucht. Es ist auch nicht vorstellbar. Weiterhin wird dem Tao eine chaotische Charakteristik zugeschrieben. Es gibt keine Ordnung; aber aus dem Chaos entstehen Erscheinungen, die der Mensch erkennen kann. Und das hinter den Erscheinungen Existierende bleibt dem Menschen verborgen. Das Tao ist über die Zeiten hinweg unverändert und unendlich. Um dennoch eine Annäherung an das Tao zu erhalten, bemüht sich der Autor des Tao-Tê-King um Beschreibungen, die das Tao nicht treffen. Statt also zu sagen, was das Tao ist, wird die Negativfolie gebildet und es wird beschrieben, was das Tao nicht ist. Das ist ein methodischer Versuch, etwas nicht Vorstellbares dennoch zu veranschaulichen. Indem beschrieben wird, wie etwas nicht ist, kann sich beim Leser eine Vorstellung davon entwickeln, wie es stattdessen sein könnte.

Der Taoismus und die Metaphysik

Die Annahme der Existenz des Tao ist die Grundlage des gesamten Taoismus. Ganz gleich, um welche Phänomene es sich handelt, die beschrieben oder erklärt werden sollen: in letzter Konsequenz können Taoisten immer auf das Metaphysische verweisen. Das ist eine Gemeinsamkeit, die sie mit abendländischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Theologen haben, die Gottesbeweise durchgeführt haben. Ein neuerer Theologe, nämlich Dietrich Bonhoeffer, sagte über Gott: Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht. So ist auch das Tao etwas, das Sein und Nichtsein verbindet, und was mit einem bloßen Namen bzw. mit einem gedanklichen Konzept nicht gefasst werden kann. „Das Tao, das es gibt, gibt es nicht.“

Das Tao wird benutzt, um die Entstehung der Welt zu erklären. Es dient aber auch dazu, um banale Aspekte des täglichen Lebens zu erklären. Um diese Universalität aufrechterhalten zu können, darf der Begriff „Tao“ nicht eingeschränkt werden. Die Gestaltlosigkeit des Tao muss als Prämisse bestehen bleiben, damit der Taoismus in seiner Logik funktionieren kann. Hätte das Tao eine Gestalt, wäre es dem taoistischen Denken nach vergänglich – so wie jedes andere Existierende auch. Solange das Tao aber gestaltlos ist, kann man es nicht beweisen – und man kann es nicht widerlegen. Es ist und bleibt damit eine Grundannahme.

Der Taoismus und die Entstehung der Welt

Das Tao hat die Welt erschaffen. Dies tat es nicht mit Absicht, sondern aus sich selbst heraus. Im Unterschied zum Glauben an einen persönlichen Schöpfergott gilt im Taoismus die Annahme, dass die Welt eine Erscheinung ist, die aus dem Tao hervorgegangen ist und durch das Tao belebt wird. So steht am Anfang und am Ende aller Dinge immer das Tao. Das 42. Kapitel des Tao-Tê-King beschreibt aus der Sicht des Autors die Entstehung der Welt:

„Der Weg schuf die Einheit.

Einheit schuf Zweiheit.

Zweiheit schuf Dreiheit.

Dreiheit schuf die zehntausend Wesen.

Die zehntausend Wesen

Tragen das dunkle Yin auf dem Rücken,

Das lichte Yang in den Armen.

Der Atem des Leeren macht ihren Einklang.“

Dao, der Weg

Der Autor glaubt also, dass die Welt aus einem Prozess des „Mehr-Werdens“ hervorgegangen ist. Die Welt wurde aus Wenigem immer mehr und das Tao hat immer ununterbrochen die Dinge hervorgebracht. Hierbei ist die Unterscheidung zwischen „Sein“ und „Nichtsein“ zu beachten. Die Welt ist aus dem Nichtsein hervorgegangen – es ist der Anfang der Welt. Auch das Sein ist aus dem Nichtsein entstanden. Und das Sein wiederum ist die Grundalge für alle existierenden Formen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass das Sein und das Nichtsein auch nur Erscheinungen des Tao sind. Sie ergänzen einander. Deswegen sind Sein und Nichtsein keine Gegenteile vom jeweils anderen, sondern eine gemeinsame Einheit. Das Nichtsein birgt die Möglichkeit des Seienden. Und das Sein birgt das Potential des Nichtseins in sich. Alles was existiert, ist! Es ist Sein. Und das Sein wurde vom Tao erschaffen; es ist eine Wirkungsweise des Tao. Und das Nichtsein ist ebenso eine Wirkungsweise des Tao. Sein und Nichtsein verhalten sich wie Yin und Yang. Yang ist das Aktive, und Yin ist das Passive. In einem ständigen Wandlungsprozess wechseln sich Yin und Yang ab – wie Tag und Nacht, Sommer und Winter etc.

Der Taoismus und die Rolle der Natur

Im Taoismus ist die Natur ein Idealzustand. Weil sich in ihr alle Prozesse vorbehaltlos abspielen und entdecken lassen, ist die Natur ein guter Repräsentant der Funktionsweise des Tao. Der Natur-Begriff ist dabei weiter zu fassen als die rein biologische Vorstellung von Tieren, Pflanzen und unberührten Landschaftsstreifen. Mit „Natur“ sind die spontanen Prozesse und Zustände gemeint, die sich aus sich selbst heraus entwickeln. In der Natur manifestiert sich das Tao in zwei Prinzipien: Das erste ist das Prinzip der Einheit von Gegensätzen. Und das zweite Prinzip ist die Rückkehr zum Ursprung.

Das menschliche Denken und Wahrnehmen geschieht in Kategorien. Auch wenn in mancher Literatur die Kategorisierung und Bewertung als negativ abgelehnt wird, sind sie Teil des Mensch-Seins und darum Teil der Natur des Ganzen. Es ist also nicht verkehrt, in Gegensätzen zu denken. Der Taoismus lehrt aber einen ganz bestimmten Umgang mit diesen Gegensätzen. Ein grundlegender Glaubensinhalt ist es, dass alle Erscheinungen (einschließlich ihrer Gegensätze) eine Einheit bilden. Das heißt, dass alle Dinge und Wertungen immer auch eine gegenteilige Seite haben: Glück / Unglück, Tag / Nacht, gut / schlecht, krank / gesund, reich / arm, Geburt / Tod, laut / leise, Berg / Tal usw. Scheinbar schließen sich die Gegensätze von Vornherein aus. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, dass diese Kategorien lediglich ein Produkt des menschlichen Denkens sind. In der „Natur“ gibt es diese Kategorien nicht – da wird der Tag zur Nacht, das Tal zum Berg, der Kranke gesund usw. Ohne Schönheit kann es keine Hässlichkeit geben – und umgekehrt. Jedes Gegensatzpaar ist damit eine in sich geschlossene Einheit von Wandlungsprozessen.

Yin-Yang

Das Yin-Yang-Muster ist das wohl bekannteste Symbol zur Darstellung der Gegensätzlichkeiten, die einander bedingen und in Wandlung zueinander führen. Der Taoismus lehrt, dass alle Bewegungen ihren gegenteiligen Lauf nehmen und wieder zum Ursprung zurückkehren. Wenn also der Vollmond seinen Höhepunkt erreicht hat, nimmt er wieder ab. Wenn in einem Konzert an einer Stelle laute Musik gespielt wurde, erklingt danach die Stille. Das heißt, dass bei einer natürlichen Bewegung erst das Äußerste erreicht werden muss, bis die Bewegung ins Gegenteil verläuft. Diese Beobachtung kann sich der Mensch zu Nutze machen, um bestimmte Ereignisse vorhersagen und verändern zu können.

Das Tao, welches im Tao-Tê-King als still und dunkel beschrieben wird, hat alle Dinge erschaffen. Und diese Dinge streben nach Licht und Gesellschaft. Damit entfernen sie sich vom „ursprünglichen“ Tao und sind zugleich Teil des Tao. Deswegen müssen sie wieder zu ihrem Ursprung zurück – zum stillen und dunklen Tao. Deswegen schätzt der Autor des Tao-Tê-King die Ruhe und das Passive mehr als das Laute und das Aktive.

Der Taoismus und das menschliche Handeln

Nach der taoistischen Auffassung ist das Tao das höchste Gut, wonach der Mensch streben sollte. Er muss sich dem Tao annähern, um seinen natürlichen Weg zum Ursprung finden zu können. Dieser Glaubensinhalt klingt so, als wäre der Mensch etwas vom Tao Getrenntes. Hierbei muss jedoch auf einer Metaebene berücksichtigt werden, dass der Mensch in seinem ganzen Sein stets ein Produkt des Tao ist und er nie von diesem getrennt war bzw. getrennt sein kann. Das heißt auch, dass das Nichterkennen des Tao oder der Glaube, nicht im Tao zu sein, Aspekte des universellen Taos sind. Was lässt sich daraus für das menschliche Handeln ableiten?

Wenn man von der Prämisse ausgeht, dass es nur das Einssein gibt und dass das Gefühl des Getrenntseins ein Teil des Einsseins ist, dann gibt es nichts, was getan werden müsste, um Einheit zu erlangen. Und dennoch gibt es die Forderung, sich dem Tao zu nähern. Um dieses Paradoxon zu lösen wird im Taoismus die Qualität von Handeln differenziert betrachtet. Dabei spielt der Begriff „Wu Wei“ eine wichtige Rolle. Das menschliche Handeln soll ein Nicht-Handeln sein. Im Taoismus soll man sich dem natürlichen Lauf der Dinge anpassen und keinen Widerstand leisten. Das heißt, dass der Mensch kein gegen die Natur gerichtetes Verhalten zeigen soll. Im weiten Sinne ist ein gegen die Natur gerichtetes Verhalten gar nicht möglich, da alles Natur ist. Im engeren Sinne soll ein Übermaß an Aktivität vermieden werden. Toleranz, Sanftmut, Schwäche, Passivität, Ruhe und Einfachheit sind im Taoismus hohe Tugenden. Die Grundlage für diese Handlungsweisungen ist der Glaube, dass der Mensch von sich aus gut wäre und es darum keinerlei Einflüsse der Moral bedürfe.

Der Mensch handelt im Sinne des Taoismus genau dann gut, wenn er wirkt ohne zu handeln. Das Handeln durch Nicht-Handeln ist also nicht als Handlungsmaxime zu verstehen, sondern als ein Geisteszustand: Der Mensch tut nur noch das, was getan werden muss. Er hat seinen Platz in der Natur und füllt diesen Platz aus ohne aktiven Einfluss zu nehmen. Das Wasser ist hierbei ein zentrales Motiv: Es ist für alles Lebende lebensnotwendig, verweilt aber an Orten, die am niedrigsten sind und die von den Menschen verachtet werden. Der Lauf des Wassers ist dem Tao sehr nahe und darum für den Menschen ein erstrebenswerter Zustand.

Das Wasser ist weich, es ist anpassungsfähig und in seiner scheinbaren Schwäche dem Starren und Harten überlegen. Das weiche Wasser kann den harten Stein durchspülen. Im Tao-Tê-King heißt es:

Der Lauf des Wassers ist dem Tao sehr nahe und darum für den Menschen ein erstrebenswerter Zustand.„Das Allerweichste der Welt

Holt im Rennen das Allerhärteste ein:

Ins Lückenlose dringt, was ohne Sein.

 

Daran erkennen Wir:

Was ohne Tun ist, wird mehr.

Nicht redend lehren,

Ohne Tun sich mehren

Wird auf der Welt nur selten erreicht.“

(Tao-Tê-King, Kapitel 43)

Liebe, Genügsamkeit und Zurückhaltung sind „drei Schätze“, die es zu kultivieren gilt, um sich dem Tao anzunähern und das eigene Handeln mit dem Walten des Tao in Harmonie zu bringen. Natürliches und spontanes Handeln gelingt dann, wenn man mit Verständnis, ohne Vorurteile und ohne Wertungen die Dinge beobachtet. Sich zur Wertlosigkeit bzw. zur Nicht-Bewertung zwingen zu wollen, wirkt allerdings kontraproduktiv. Es gleicht ungefähr dem Vorhaben, etwas mit Absicht vergessen zu wollen.

Schreibweise und Transkriptionen

Die chinesischen Schriftzeichen für „Taoismus“ sind 道教 und können mit „Lehre des Weges“ übersetzt werden. In der Pinyin-Umschrift lautet das Wort „dàojiào“. Es gibt unterschiedliche Transkriptionen für chinesische Wörter. Tabelle 1 umfasst die chinesische Schreibweise, die Pinyin-Umschrift, die Wade-Giles-Umschrift sowie die Lessing-Othmer-Umschrift.

Tabelle 1 – Schreibweisen klassischer taoistischer Wörter

 Chinesisch  Pinyin  Wade-Giles  Lessing-Othmer
 道  Dào  Tao  Tao
 道教  Dàojiào  Tao-chiao  Taoismus
 老子  Lǎozǐ  Lao-tzu  Laotse
 太極  Tàijí  T’ai-chi  Tai Chi

Im Deutschen wird neben der Schreibweise „Taoismus“ auch die Schreibweise „Daoismus“ verwendet. Beide Begriffe meinen dasselbe, beziehen sich aber auf unterschiedliche Umschriften.

Der Begriff „Tao“ kann auch als „Dao“ ausgeschrieben werden und wird traditionell mit dem Wort „Weg“ übersetzt. Im Japanischen wird vom „Do“ gesprochen. So ist ein Dojo der „Ort des Weges“. Der Tao-Begriff kann darüber hinaus mit „Pfad“ oder „Straße“ übersetzt werden. Im Paradigma des Taoismus ist der Begriff ein Abstraktum. Während im Konfuzianismus vom „rechten Weg“ gesprochen werden kann, bezeichnet das Tao im Taoismus eine transzendente höchste Wahrheit, die nicht begrifflich gemacht werden kann.

Entstehungsgeschichte des Taoismus

Der genaue Ursprung des Taoismus ist nicht geklärt. Es gibt zahlreiche Entstehungsgeschichten, in welchen historische Elemente mit mythologischen kombiniert werden. Als historisch gesichert gilt, dass der Taoismus einen langen Entwicklungsprozess durchlaufen hat, der unter verschiedenen Einflüssen stand. Hierbei spielt antikes Gedankengut eine zentrale Rolle: Im Taoismus lässt sich viel wiedererkennen, was bereits während der Zhou-Dynastie verbreitet war. Diese Dynastie wird auf die Zeit zwischen 1040 v. Chr. und 256 v. Chr. datiert. Wichtige Elemente aus dieser Epoche, die den Taoismus geprägt haben, sind die kosmologischen Vorstellungen von Himmel und Erde, die fünf Wandlungsphasen, die Lehre vom Qi, die Idee von Yin und Yang, und das I Ging. Weiterhin lassen sich auch taoistische Geistes- und Körperübungen bis in diese Zeit zurückdatieren – Prinzipien des Taijiquan, des Qigong, Meditation, Visualisierungsübungen, Alchemie und Magie. Bereits im Altertum wurden diese Techniken genutzt, um das Ziel der Unsterblichkeit zu erreichen. Und auch im Taoismus ist die Unsterblichkeit ein zentrales Thema. Bereits im Zhuangzi, das aus dem 4. Jh. v. Chr. stammt, ist von den „Xian“ zu lesen. In der chinesischen Mythologie sind damit die Unsterblichen gemeint.

Laotse und das Tao-Tê-King

Laoze (Laotse)Laotse“ bedeutet übersetzt „Der alte Meister“. Es handelt sich um keine historische Person. Im Taoismus gilt Laotse (Laozi) als der alleinige Autor des Tao-Tê-King. Es ist aber zweifelhaft, ob überhaupt jemand existiert hat, den man als „alter Meister“ bezeichnet hat und der zugleich der alleinige Autor des Tao-Tê-King gewesen sein soll. Es gibt unterschiedliche Biographien über Laotse – allen gemein ist die Legendenbildung, so dass zumindest im wissenschaftlichen Diskurs von einem legendären Philosophen ausgegangen wird.

Vermutlich ist das Tao-Tê-King erst im 4. Jh. v. Chr. entstanden. Laotse soll allerdings schon im 6. Jh. v. Chr. gelebt haben. In dieser Zeit machten sich viele Philosophen Gedanken über die Welt, den Menschen und die Gesellschaft. Der Grund liegt in der zu dieser Zeit vorherrschenden instabilen Lage in China. Es gab viele Kriege und soziale Unruhen. Das Tao-Tê-King enthält eine Sammlung von Kapiteln, deren Inhalte sich an einen Herrscher richten, der in der Gesellschaft für Frieden und Stabilität sorgen soll. Insgesamt sind es 81 Kapitel, die in zwei Bücher gegliedert sind. Das erste Buch beschreibt das Tao. Im zweiten Buch geht es um „Te“ – die Tugend. Auch wenn es Kapitel im Tao-Tê-King gibt, so existiert keine logische Struktur der Inhalte. Deswegen wird das Tao-Tê-King im Taoismus und darüber hinaus genutzt, um Impulse für subjektive Spekulationen und Interpretationen zu geben. Das ist der Grund, weshalb es zu diesem Werk sehr viele Auslegungen und Kommentare sowie zahlreiche Übersetzungen gibt.

Laotse wird im Taoismus als Gottheit verehrt. Das Tao-Tê-King ist aber keine „heilige Schrift“, um deren konkrete Umsetzung man bemüht ist. In der taoistischen Religion gilt der Text als mystische Anweisung, um das Tao zu erlangen. Der Taoismus als religiöses Konstrukt weist schamanische Traditionen und naturphilosophische Ansätze auf, die vermutlich auch im Tao-Tê-King präsent sind. Im Beriech der Alchemie spielt das Tao-Tê-King eine größere Rolle. Hier sind vor allem die frühen Kommentare aus der Zeit des 3. bis 5. Jh. dafür verantwortlich, dass die Lehre des Laotse als mystische Lehre interpretiert werden kann, mit der man Weisheit, Zauberkräfte und Unsterblichkeit erlangen könnte.

Zhuangzi und „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

ZhuangziEin weiterer  Meilenstein der Entstehungsgeschichte des Taoismus ist das Werk „Nanhua zhen jing“ von Zhuangzi. Im Gegensatz zu Laotse gilt die historische Existenz von Zhuangzi als weitgehend gesichert. Er lebte von 365 v. Chr. bis 290 v. Chr. und war Philosoph und Dichter. „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ wird ebenfalls als „Zhuangzi“ bezeichnet – je nach Kontext ist also entweder der Autor gemeint oder dessen Buch. Die Bezeichnung „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ erhielt das Werk erst als Zhuangzi ab dem 8. Jh. n. Chr. als taoistischer Heiliger verwehrt wurde. Das Buch nimmt in der chinesischen Geistes- und Kulturgeschichte eine geringe Rolle ein. Während der Han-Zeit (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) war es so gut wie unbekannt. Allerdings hatte das Zhuangzi einen großen Einfluss auf die Entwicklung des chinesischen Buddhismus. Im Chan-Buddhismus wurden viele Begriffe aus dem Zhuangzi genutzt, um buddhistische Sanskrit-Sutren übersetzen zu können. Hierbei waren vor allem Begriffe wie „Geistlosigkeit“, „Selbstvergessen“ und „Meditation“ maßgeblich.

Anders als Laotse lenkt Zhuangzi den Blick nicht auf das gesellschaftliche und politische Leben. Der Autor erhebt den weltabgewandten Weisen zum Idealtyp des Menschen. Im Werk selbst lassen sich viele Parabeln und Anekdote finden, mit denen philosophische Sachverhalte beschrieben und erklärt werden. Ein besonderes Merkmal ist die häufige Verwendung von Paradoxien, also von scheinbaren oder tatsächlichen Widersprüchen. Zhuangzi greift auf Vorstellungen des Tao-Tê-King zurück. Und weil sein Buch relativ zeitnah zum Tao-Tê-King entstanden ist, geht man unter anderem davon aus, dass es sich um einen Kommentar zum Tao-Tê-King handeln könnte. Diese Annahme gilt aber als falsch, weil sie die neuen und anderen philosophischen Ansätze des Zhuangzi vernachlässigen würde.

Während der Zeiten des Laotse und des Zhuangzi gab es keine feste Organisation, die man im Sinne einer philosophischen Schule und/oder Religion als „taoistisch“ hätte bezeichnen können. Es gibt lediglich einzelne Texte, die taoistisches Gedankengut beinhalten und später in taoistische Organisationen aufgenommen wurden. Der Taoismus als philosophisches Konzept und/oder religiöse Strömung hat erst später Gestalt angenommen.

Taoismus – Religion oder Philosophie?

Das erste als sicher geltendes Datum, mit welchem der Taoismus als Religion identifiziert werden kann, ist das Jahr 215 n. Chr. In diesem Jahr wurde die Kirche der Himmelsmeister anerkannt. Zhang Daoling (34 n. Chr. – 156 n. Chr.) gilt als der Begründer des Himmelsmeister-Taoismus. Trotz dessen ist der Taoismus kein geschlossenes Glaubenssystem, weil er sich auf zu viele verschiedene Quellen bezieht. Das macht eine Abgrenzung zur taoistischen Philosophie schwierig.

Wenn man den Taoismus als Philosophie oder Religion beschreiben und erklären will, so muss zunächst berücksichtigt werden, dass die chinesische Kultur andere Verständnisse von diesen Begriffen hat als die abendländische Denkweise. Lange Zeit hat man die Trennung des Taoismus zwischen Religion und Philosophie mit den Begriffen „Daojia“ und „Daojiao“ geregelt. Aber die Trennung selbst ist nur ein Hilfsmittel, um bestimmte Aspekte des Taoismus gezielt analysieren zu können. Betrachtet man abendländische Religionen, so sind auch diese kein homogenes Feld, sondern in verschiedene Konfessionen und Gruppierungen gegliedert. Die Übergänge zwischen den einzelnen Gruppierungen sind fließend – so auch zu den philosophischen Schulen. Ebenso verhält es sich mit dem Taoismus. Im Rahmen seiner über 2000jährigen Geschichte sind verschiedene Lehren mit unterschiedlichen Zielen entstanden. Die herrschende Meinung der Sinologen ist, dass der religiöse Taoismus die praktische Verwirklichung des philosophischen Taoismus sei. Darum muss immer berücksichtigt werden, dass die Trennung zwischen Philosophie und Religion lediglich eine Vereinfachung ist, mit der zeitweise gearbeitet werden kann, die aber das gesamte Phänomen „Taoismus“ nur unzureichend beschreiben würde.

Die Verbreitung des Taoismus im Abendland

Taoistische Gedanken – auch wenn man sie nicht als taoistisch bezeichnen würde – gibt es im abendländischen Kulturkreis seit der Antike. Das Christentum, die Stoiker und die Epikureer sind drei Beispiele für abendländische Glaubens- und Denksysteme, in denen sich Parallelen zum Taoismus finden lassen. Die Rezeption des Taoismus im engeren Sinne findet seit ca. 200 Jahren statt. Laotse und Zhuangzi haben wesentliche Bereiche des westlichen Geisteslebens beeinflusst: die Kunst, die Philosophie und die Psychologie. Die erste Übersetzung des Tao-Tê-King stammt von einem Jesuiten aus dem Jahr 1788. Er hat den Text ins Lateinische übersetzt. Ab der Mitte des 19. Jh. erschienen dann immer mehr Übersetzungen, die meist von Missionaren verfasst worden. Die bekannteste Übersetzung im deutschen Sprachraum stammt von Richard Wilhelm.

Die Vermengung taoistischen Gedankenguts mit christlichen Überzeugungen geht auf die Zeit der Missionierungen zurück. Die Vermengung taoistischer Gedanken mit westlichem Okkultismus ist ebenfalls in diese Zeit zu setzen. Ein Beispiel ist hierfür die Theosophische Gesellschaft, die indische Mystik und westlichen Okkultismus kombiniert hat. Im 20. Jahrhundert stieg bei europäischen Intellektuellen das Interesse an östlichen Lehren. In Deutschland wurde dank der Übersetzungen durch Richard Wilhelm und Martin Buber ein förmlicher Taoismus-Hype ausgelöst: Bertolt Brecht, Hermann Hesse und Alfred Döblin griffen taoistische Gedanken auf und setzen sie in ihren Werken um. In der Tiefenpsychologie fand der Taoismus bei Carl Gustav Jung Niederschlag. Er entwickelte eigene psychologische Theorien auf der Grundlage der Übersetzungen des I Ging und des Zhuangzi von Richard Wilhelm. Martin Heidegger wurde von taoistischen Texten und vom Zen-Buddhismus beeinflusst. In der Existenzphilosophie war es vor allem Karl Jaspers, der sich mit dem Taoismus auseinandergesetzt hat. Er schrieb das Werk: „Laotse/ Nagarjuna – zwei asiatische Mystiker“.

Durch die Veränderungen des Zweiten Weltkriegs konnte sich die chinesische Kultur weltweit verbreiten. Viele Exil-Chinesen brachten ihre Kultur mit in ihr Aufenthaltsland, wo das Interesse an Mystik und geistiger Ordnung im Angesicht des Kalten Krieges groß war. Im Westen wurde der Taoismus vor allem durch Alan Watts publik gemacht. In der Hippie- und Anti-Kriegs-Bewegung entfaltete sich das politische Potential der taoistischen Überlieferungen. Ab den 1970er Jahren ist der Trend der Trivialisierung des Taoismus zu beobachten. Man sah im Taoismus Wunderkräfte wirken und interpretierte das Tao als Heilmittel für die kaputte europäische Kultur. Nicht selten blieb der Taoismus auf das Prinzip von Yin und Yang beschränkt. In esoterischen Kreisen wollte man die mystische Wirkung des Tao entfalten. Bis in die Gegenwart hinein wird die Öffentlichkeit mit einem trivialisierten Taoismus konfrontiert: Es gibt taoistische Kochbücher, taoistische Manager-Bücher, Kurse über Taoismus und Liebe usw. Eine zunehmende oberflächliche Betrachtungsweise hat ein entfremdetes Bild vom Taoismus entstehen lassen. Peter Sloterdjik spricht von einem „östlichen Philosophie fast food“ und wertet die Entwicklung erwartungsgemäß ab. Die Esoterik-Szene hat den Taoismus monopolisiert. Ein Viertel des esoterischen Buchhandels befasst sich ausschließlich mit dem Taoismus. Somit ist auch hier die Frage offen, wo der Taoismus als Philosophie aufhört und als Religion beginnt. Die Popularisierung des Taoismus hat zu einer Banalisierung und Reduktion der geistigen Inhalte geführt – wesentliche Teile des taoistischen Denkens werden entweder gar nicht aufgegriffen, aus dem Kontext gerissen, oder gänzlich falsch interpretiert.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Bauer, Wolfgang (2001): Geschichte der chinesischen Philosophie: Konfuzianismus,

Daoismus, Buddhismus. München: C. H. Beck.

Lao-tse (2001): Tao-Tê-King. Übersetzung von Günther Debon. Erstdruck: 1961.

Stuttgart: Reclam Verlag.

Oldstone-Moore, Jennifer (2005): Taoismus. Köln: Fleurus Idee.

Reiter, Florian (2003): Taoismus zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag.

Schleichert, Hubert & Roetz, Heiner (2009): Klassische chinesischer Philosophie.

Eine Einführung. Frankfurt am Main: Klostermann.

Sloterdjik, Peter (2004): Eurotaoism. Cluj: Idea Design & Print Ed.

Internetquellen

Wang, Joseph (1999): Die Auffassung des Wirklichen im Taoismus. URL:

http://members.vol.at/Wang/philosophie/fba_taoismus.htm [06.10.2013].

Autor: Christoph Eydt

Kalligraphie: Wang Ning

Fotos: L. Liebermann und Taiji-Europa.de

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