Mit Wu-Wei führen
Von Bernd Hildebrandt
Unlängst fragte mich ein Seminarteilnehmer in einer Diskussionsrunde: „Was ist für dich die wichtigste Eigenschaft für eine gute Führungspersönlichkeit?“
Meine spontane Antwort: „Natürlichkeit“ verblüffte ihn sichtlich und erregte auch Widerspruch.
Und doch bin ich nach 30 Jahren Führungserfahrung von der Richtigkeit ziemlich überzeugt. Mit Führungspersönlichkeiten sind natürlich nicht nur Manager gemeint. Das können Lehrer, Politiker…. oder aber auch T’ai Chi Lehrer sein!
Dem eigenen Naturell entsprechend zu handeln und zu sprechen, zu sich selbst stehen ohne starrköpfig zu sein – das erzeugt wahre Autorität. Es ist authentisch, wirkt auch so auf andere und erzeugt Achtung, Verständnis und letztlich auch mehr Erfolg.
Wir alle kennen die Gegenbeispiele: das aufgesetzte Optimismuslächeln, die verschraubten Redewendungen in Interviews, die steife feldherrenähnliche Körperhaltung.
Die Basis für diese Un-Natürlichkeit ist eigentlich immer Verspannung – geistiges und körperliches Angespanntsein. Die Angst anders gesehen zu werden als man scheinen möchte.
In keiner Literatur und Sammlung von Weisheiten wurde dieser Punkt wohl ausführlicher behandelt, als mit den Worten der Taoisten, die das Wu-Wei beschrieben.
Die Übersetzung dieses Begriffes in „Nichthandeln“ ist schwer verständlich und wohl zu kurz gegriffen. Gemeint war sicherlich die Tätigkeit im Sinne von natürlicher Bewegung oder – negativ beschrieben die „Untätigkeit“ nach irreführenden Leidenschaften, Wünschen und Begierden zu streben.
Wie ein roter Faden zieht sich diese Weisheit durch die alten taoistischen Lehren und ist aktueller denn je.
So zu handeln, wie es dem natürlichen Ablauf der Dinge entspricht.
Dem Prozess und den ausführenden Menschen vertrauen schenken.
Nur eingreifen, wenn Hilfe notwendig ist.
In der globalen Wirtschaft steht das hektische Handeln, das kurzfristige Manipulieren klar im Vordergrund. Abwägendes Warten, Zuhören, sich einfühlen in Menschen, in die Natur und in Prozesse - all das ist etwas aus der Mode gekommen.
Es ist jedoch ein wesentliches Merkmal der taoistischen Denkweise und hier drängen sich erstaunliche Parallelen zum T’ai Chi gerade zu auf.
In jede Auseinandersetzung mit innerer und äußerer Entspannung hinein gehen.
Spüren, zuhören, hinein horchen, interpretieren.
Anhaften! Nie den Kontakt zum Partner verlieren, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.
In der Mitte bleiben, aus der Mitte heraus mit Natürlichkeit handeln.
Konzentrieren auf das Wesentliche.
Einen festen Standpunkt wahren, ohne starr zu reagieren.
Mit Flexibilität und Nachgiebigkeit den Erfolg suchen.
All diese T’ai Chi – Prinzipien könnten in jedem Managerhandbuch stehen.
Nur – man kann sie sich nicht erlesen, sondern man muss sie sich einüben, sie sozusagen einleben. Wie beim täglichen T’ai Chi.
Nach meiner Erfahrung hilft es sehr, sich die Korrelation T’ai Chi zum täglichen Leben immer wieder bewusst zu machen.
Es hilft, den manchmal brutalen Kampf des Alltags und Geschäftslebens in eine sinnvolle partnerschaftliche Auseinandersetzung umzuwandeln. Dies könnte ein wesentlicher Aspekt des T’ai Chi – Übens sein.
Wenn wir T’ai Chi – Formen lehren, sollten wir vielleicht weniger darauf dringen, dass der Fuß 45° statt 38° ausgerichtet ist, sondern auf die Natürlichkeit der Bewegung aufmerksam machen. Das führt vielleicht auch beim Lernenden zu mehr Freude und Gelassenheit.
